Jugendförderung, Berlin Neukölln

Das Modellprojekt “Digitale Kinder- und Jugendstadt Neukölln”

Eva Lischke/ Maren Sierks

Zu Beginn des Jahres 1998 startete Neukölln ein Modellprojekt im Computerbereich, das weit über die bisherigen pädagogisch angeleiteten Computer-Gruppenangebote hinausging. In wenigen Monaten wurden in allen kommunalen Neuköllner Jugendzentren gemeinwesenorientierte Internet- und Multimediacafés eingerichtet.

Entstehungsbedingungen

Das Multimediaprojekt konnte schnell wachsen, weil mehrere Faktoren zusammentrafen:

Im März 1998 erging der Auftrag zur Entwicklung eines Konzepts für ein Medien-Modellprojekt. Schon im August fand die Eröffnung des ersten “Gemeinwesenorientierten Multimediacafés” statt.

In Abgrenzung zu eher schulorientierten bzw. einem traditionellen Bildungsbegriff verpflichteten Konzepten steht in den Neuköllner Multimediacafés als Einrichtungen der Jugendförderung/ Jugendfreizeit nicht die Vermittlung von technischen Fähigkeiten und der Wissenstransfer, sondern die Vermittlung von sozialen Organisationsfähigkeiten im Vordergrund. Die Vermittlung von technischen Fähigkeiten findet zwar statt und wird auch als wichtig angesehen, dennoch werden Computer und Internet im Wesentlichen als Medien der sozialpädagogischen Arbeit verstanden und eingesetzt. Sie sind Mittel zum Zweck und sollen nicht als Selbstzweck erfahren werden.

Zielsetzung

Die wichtigsten Ziele des Modellprojekts sind:

  1. Erweiterung der Selbstorganisations- und Beteilungsmöglichkeiten für Jugendliche in den Jugendclubs.
  2. Stärkere Durchmischung der Jugendclubs im Hinblick auf Mädchen/Jungen, Ausländer/Deutsche und auch auf die Schichtzugehörigkeit.
  3. Förderung der Chancengleichheit in bezug auf den Zugang zu neuen Technologien.
  4. Aufzeigen der vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Computers als Freizeit- und Arbeitsmedium.

Selbstorganisations- und Beteiligungsmöglichkeiten

Eines der vorrangigsten Ziele ist die Erweiterung der Selbstorganisations- und Beteiligungsmöglichkeiten für Jugendliche, welche in Fachgesetzen und -literatur zwar gefordert, in der Praxis jenseits formaler Beteiligungsrechte (Vollversammlungen etc.) bzw. jenseits der Ausübung von Hilfsarbeiten (Thekendienste) jedoch noch wenig erprobt waren.

Selbstorganisation und Beteiligung sind Kompetenzen, die die Jugendlichen als Grundqualifikationen erwerben sollten, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Sie sind gleichfalls Aktivitäten, die den Erwerb von Verantwortung gegenüber sich selbst und gegenüber anderen sowohl voraussetzen als auch ermöglichen. Selbstorganisation und Beteiligung setzen Entscheidungen voraus und fördern Entscheidungskompetenzen. Selbstorganisation, Beteiligung(-sfähigkeit), Entscheidungsfähigkeit und Verantwortung können so als Schlüsselqualifikationen angesehen werden, die Jugendlichen ermöglichen, ihr aktuelles Leben zu führen und ihre Zukunftschancen "privat und beruflich" zu verbessern.

Für Jugendliche gibt es heute nicht mehr den vorgezeichneten Weg von der Schule in die Ausbildung und in den Beruf. Jugendliche stehen im Alter von siebzehn, achtzehn Jahren vor gravierenden Entscheidungszwängen, auf die sie in der Regel wenig vorbereitet werden und für die sie Entscheidungskompetenzen und andere Fähigkeiten entwickeln müssen. Als Alltagsfragen formuliert:

Betriebe beklagen, dass viele Jugendliche diese Anforderungen nicht erfüllen. Die Jugendlichen scheitern in der Ausbildung weniger an mangelhafter Rechtschreibung, als an mangelnden sozialen Kompetenzen. Schon am Ausbildungsplatz wird ihnen zunehmend die Fähigkeit bzw. die Bereitschaft zu verantwortlichen Entscheidungen abverlangt. Praktische Anforderungen die von Seiten der Betriebe an die Jugendlichen gestellt werden, lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Wo ist der Erwerb dieser Kompetenzen für junge Leute möglich? Die Erfahrungen zeigen, dass diese Kompetenzen nicht in hinreichendem Maß durch Schule und Elternhaus vermittelt werden. So kommt der öffentlichen Jugendhilfe/Jugendförderung die wichtige Aufgabe zu, nicht nur Freizeitangebote im Sinne des Entspannens oder der musisch-bildnerischen Anregung zu bieten, sondern darüber hinaus die aktuelle und zukünftige Lebenswelt der Jugendlichen zu berücksichtigen und Hilfestellung für die Beantwortung sich daraus ergebender Fragen zu geben. Die Jugendhilfe muss Jugendlichen Möglichkeiten bieten, auch “unternehmerisch” Leistung zu zeigen und Teamarbeit auszuprobieren.

Beteiligungsmöglichkeiten und Selbstorganisation im Multimediacafé

Stärkere Durchmischung der Jugendclubs

Vor Beginn des Projektes wurden die Jugendclubs weitgehend von homogenen Jugendlichengruppen besucht. In den meisten Clubs waren dies “ausländische” Jungen mit geringem Bildungsniveau und ungünstigen Lebensperspektiven. Mädchen waren fast in allen Jugendclubs deutlich unterrepräsentiert. Die bereits genannte Freizeitstudie gab Hinweise auf notwendige Veränderungen.

Ein wichtiges Ziel der Internet- und Multimediacafés war (und ist es weiterhin), mehr Mädchen und auch mehr Jugendliche aus der Mittelschicht in die Clubs zu integrieren. Dieses Ziel war nicht selbstverständlich. Ist nicht die Jugendförderung gerade für die so genannten Unterprivilegierten da? Nach Auffassung der Jugendförderung Neukölln haben sich die Angebote - nicht nur an Jugendliche mit sozialen Problemen, sondern prinzipiell an alle Jugendlichen des Bezirks zu richten, um soziales Miteinander zu fördern. In der Konsequenz müssen Jugendclubs so gestaltet werden, dass sie breite Zielgruppen ansprechen. Dominieren Billard und Kicker das Erscheinungsbild, werden überwiegend Jungen aus der Unterschicht angesprochen und Mädchen ausgeschlossen. Mädchen bevorzugen einen Cafécharakter. In der Freizeitstudie äußerten die Mädchen einen hohen Bedarf an Räumen, in denen sie in Ruhe sitzen und miteinander reden können. Dabei wollen Sie aber nicht immer abgeschlossen “unter sich” sein. Interessanter ist ein geschützter öffentlicher Raum, in dem sie sowohl miteinander reden als auch “Jungs gucken” und mit Jungs reden können. Der Cafécharakter der Multimediacafés ist gegenüber früheren Computergruppenangeboten ein guter Ansatz, Mädchen den Zugang zu Computer- und Internet zu erleichtern. Es finden sogar Mittelschichtsjugendliche mit eigenem PC und Internetzugang den Weg in die Multimediacafés. Sie gehen in das Café, um

Neue Zielgruppen anzusprechen, heißt nicht, dass der bisherige Stamm an Jugendlichen aus den Clubs gedrängt werden soll. Vielmehr soll ein Rahmen für ein tolerantes Miteinander geschaffen werden. Dies erreicht man nicht allein durch Appelle und auch nicht dadurch, dass man Computer als Ersatz für Kicker aufstellt. Computer sind jedoch ein Medium, das die Mehrheit der Jugendlichen (Mädchen, Jungen, “AusländerInnen”, “Deutsche”, AbiturientInnen, HauptschülerInnen) in hohem Maße anspricht oder aber von ihnen als Notwendigkeit akzeptiert wird. Das Medium ist daher prinzipiell geeignet, neue Zielgruppen in die Clubs zu ziehen, wenn der Rahmen stimmt. Damit die neuen Besucher/innen verweilen und miteinander in Kontakt treten, sich akzeptieren und tolerieren, bedarf es jedoch unbedingt einer pädagogischen Steuerung und Unterstützung durch das Fachpersonal.

Von einer Durchmischung profitieren die Jugendlichen aus der Unterschicht am stärksten

Die Durchmischung geht nicht zu Lasten der bisherigen Stammbesucher/innen. Im Gegenteil profitieren von einer Durchmischung die Jugendlichen aus der Unterschicht am stärksten. Wenn Jugendliche mit schlechten Lebensperspektiven unter sich bleiben, bestätigen sie sich gegenseitig in ihrem Gefühl der Perspektivlosigkeit. Dieses Lebensgefühl bestimmt ihr weiteres Handeln. Der Coleman-Report, der auf einer schon 1965 durchgeführten Untersuchung über schwarze, weiße und gemischte Schulen in den USA basiert, hat deutlich gezeigt, dass schwarze Unterschichtsjugendliche, die gemeinsam mit weißen Jugendlichen der Mittelschicht eine Schule besuchen, weitaus bessere Leistungen erbringen, als Schwarze, die in rein Schwarze Schulen gehen. In gemischten Schulen (und Jugendzentren) werden Jugendliche mit jeweils anderen Lebensentwürfen konfrontiert. Das Kennenlernen anderer Lebensentwürfe ist eine notwendige Voraussetzung, um sich entscheiden zu können, welchen Weg man gehen will.

In den Multimediacafes ist die Computerbeschäftigung insbesondere der männlichen Jugendlichen mit geringem Bildungslevel deutlich stärker auf Spiele orientiert. Besser gebildete Computernutzer verfügen in der Regel über ein breiteres Nutzungsspektrum: z.B. kreative Bearbeitungen, Officepakete, Internetrecherche (vgl. Schwab/Stegmann, 2000). Durch die Konfrontation mit Nutzungsalternativen durch höher gebildete NutzerInnen erweitern Unterschichtsjugendliche ihr Handlungsspektrum im Computer- und Internetbereich. Mit einer Durchmischung der Jugendclubs kann die Jugendförderung sicherlich nicht an allen gesellschaftlichen Realitäten vorbei die Chancengleichheit der Jugendlichen erreichen. Sie kann jedoch die geringen Chancen verbessern.

Förderung von Chancengleichheit durch Zugang zu neuen Technologien

Die Bevölkerung im Bezirk Neukölln von Berlin ist in hohem Maße von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen. Ein moderner PC und ein Internet-Zugang gehören nicht zur normalen Ausstattung der Haushalte. Dies gilt insbesondere für die Altstadt, in der ein hoher Teil von MigrantInnen lebt. In der Informationsgesellschaft ist die Fähigkeit, mit Computer und Internet umzugehen, so wichtig wie Lesen und Schreiben. In einem Multimediacafé der Jugendförderung können die Neuköllner Jugendlichen selbstständig und spielerisch oder bei Bedarf mit gezielter Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte technische, gestalterische und organisatorische Medienkompetenzen erschließen.

Aufzeigen der vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Computers als Freizeit- und Arbeitsmedium.

Die Jugendlichen nutzen das Internet als Medium in unterschiedlichen Zusammenhängen.

Kommunikationsmedium:

Im Mai 1999 eröffneten fünf Jugendclubs ihr neues Multimediacafé mit einer gemeinsamen Videokonferenz. In diesem Rahmen fand auch ein Wettbewerb im Document-Sharing statt. Dabei bearbeiteten die Jugendlichen, die räumlich an verschiedenen Orten sind, gemeinsam und in Echtzeit ein Dokument - zum Beispiel eine Zeichnung. Die Jugendlichen hätten ohne das Multimediaprojekt kaum Chancen, mit derart fortgeschrittenen Kommunikationstechniken umzugehen.

Am attraktivsten ist aber für das Gros der Jugendlichen der Chat. Dies gilt für die Mädchen noch mehr als für die Jungen. Im Chat wird unverfänglich geplaudert, werden neue Rollen und Redeweisen ausprobiert. Im Chat können Jungen und Mädchen sich gefahrlos kennen lernen. Sie können flirten und sich - wenn sie wollen - anschließend verabreden. Sie können aber auch die virtuelle Beziehung problemlos beenden.

Viele Jugendliche mit Rechtschreibproblemen und Schreibhemmungen scheinen durch den Chat ein Medium gefunden zu haben, dass ihnen das Schreiben wieder ermöglicht. Dies liegt zum einen an dem hohen Unterhaltungswert der Chatsysteme für die Jugendlichen, der Anonymität und der geringen Sanktionen gegen Leute mit Rechtschreibfehlern, da es im Chat nicht auf Rechschreibung sondern auf Geschwindigkeit ankommt.

Informationsmedium für die Recherche im WWW:

Die Jugendlichen recherchieren nach Jobs und Ausbildungsplätzen, nach Musikstars und Musikstücken. Sie recherchieren für ihre Hausaufgaben und suchen nach Sportergebnissen.

Medium des aktiven Lernens:

Die Jugendlichen nutzen Textverarbeitungsprogramme für Bewerbungen. Sie nutzen Grafik- und Bildbearbeitungsprogramme, um Plakate und Visitenkarten zu erstellen, sie beteiligen sich an der Gestaltung der Homepage für “ihre” Jugendeinrichtung und beteiligen sich an Wettbewerben. Als Beispiel können hier genannt werden:

Im musikalischen Bereich reichen die Anwendungen von der einfachen “Dance-machine”, in der fertige Klangmodule zu einem Techno-Hit montiert werden, bis hin zu aufwendigen Kompositionen mit “Cubase VST”, das fundierte Musik- und Tontechnikkenntnisse erfordert.

All dies heißt aber nicht, dass es in den Neuköllner Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtungen besonders ernsthaft und arbeitsam zugeht. Die Computer und die neuen Programme machen einfach Spaß. Und schließlich gibt es auch immer noch

In die Darstellung der konzeptionellen Überlegungen mischte sich bereits die Darstellung erster Erfahrungen, jedenfalls soweit sie den Planungen entsprachen oder sie sogar übertrafen. Jedenfalls wurde nach recht kurzer Anlaufphase überlegt, wie die ersten speziellen Erfahrungen aus einem Jugendclub übertragen werden können auf alle Jugendeinrichtungen des öffentlichen Trägers. Dabei galt es, die unterschiedlichen Voraussetzungen (deutliche Unterschiede in den Quartieren, konzeptionelle Traditionen der verschiedenen Einrichtungen, heterogene Vorkenntnisse bei den MitarbeiterInnen) zu berücksichtigen und doch die wesentlichen jugend- und fachpolitischen Gedanken in allen Clubs zu verankern. Hierzu entwickelten wir sechs Grundprinzipien.

Sechs Grundprinzipien zum Aufbau eines “gemeinwesenorientierten Multimediacafés”

  1. Jugendliches Team: Jedes Café steht unter der Regie eines jugendlichen Teams. JedeR erhält einen Honorarvertrag mit einem wöchentlichen Stundenumfang von ca. vier Doppelstunden. Es wurden, Einstellungskriterien entwickelt, z.B. hatten sich die ersten Jugendlichen über längere Zeit ausgezeichnet durch Verantwortungsbereitschaft für den Club oder hatten bereits Medienprojekte durchgeführt. Alle Teammitglieder werden geschult und koordiniert; dies geschah anfangs durch die Projektleitung, inzwischen von den pädagogischen MitarbeiterInnen der Clubs.
  2. Integration in den offenen Betrieb: Die Multimedia-Cafés unterscheiden sich von den herkömmlichen Gruppenangeboten (z.B. Computerkurse) durch die Integration in den offenen Betrieb. Das Multimedia-Café ist zentraler Bestandteil des Hauses. Offenheit des Angebots heißt freier Zugang für alle in der gesamten Öffnungszeit der Clubs. Mittel der Integration sind beispielsweise die gegenseitige Teilnahme an den jeweiligen Sitzungen des Hausteams und des Multimedia-Teams, eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, gemeinsame Analyse eventuell auftretender pädagogischer Probleme, organisatorische Absprachen über Öffnungszeiten, Hausregeln, Vertretungsregelungen, gemeinsame Vollversammlungen. Dies deutet bereits auf ein weiteres Grundprinzip.
  3. Beteiligung der Jugendlichen: Die jugendlichen StammbesucherInnen werden an der Gestaltung des Cafés maßgeblich beteiligt: Raumsuche und -gestaltung, Namensgebung für die Internet-Domain, Gestaltung des Programms, der Homepage und Aufstellung von Nutzungsregeln.
  4. Multimedia-Café: Der Begriff ist Ausdruck einer bewussten Entscheidung. Das Angebot ist nicht nur auf einen Internet-Zugang beschränkt, sondern ist für alle multimedialen Möglichkeiten offen. Schwerpunkte werden von den Jugendlichen, den Teamern und der Leitung des Hauses gesetzt und mittels einer gemeinsamen, prozesshaften Programmplanung realisiert. Dazu gehört einerseits, dass das Programm variiert, sich aber andererseits auch Spezialisierungen herausbilden (z.B. Musik am PC). Auch der Zusatz Café ist ernstgemeint. Der Multimediaraum soll Cafécharakter und nicht den Charme eines "PC-Studios" oder einer "Hackerbude" haben.
  5. Gemeinwesenorientierung: Die TeamerInnen sind Jugendliche, die den Sozialraum kennen. Sie gehen dort auf unterschiedliche Schulen oder wohnen da. Damit wird das Projekt "automatisch" bekannt, eine Option zur Zusammenarbeit mit den Schulen wird eröffnet. Gezielt werden andere potentielle Nutzergruppen wie zum Beispiel Schulen, Kirchengemeinden, Kindereinrichtungen, Vereine angesprochen.
  6. Förderung von Mädchen: Weibliche Jugendliche bzw. junge Frauen werden bewusst gesucht und eingestellt, um Schwellenängste von Mädchen gegenüber den Multimedia-Cafés zu reduzieren. Informationstechnisches Wissen und kommunikative Kompetenzen sind gleichberechtigte Zugänge für die jugendlichen TeamerInnen zu Jobs, weil beide Kompetenzen gebraucht werden. Durch die Betonung von kommunikativen Kompetenzen haben Mädchen mehr Chancen, auch einen Job zu ergattern. Alle Regelkataloge für Multimedia-Cafés sehen eine Mädchenquote bei der Gerätenutzung vor. Das durchschlagende Prinzip schlechthin schlug eine Teamerin vor: Nun gibt es sogenannte "Risikorechner", an denen Jungen sitzen dürfen, aber sobald ein Mädchen den Rechner beansprucht, müssen sie den Rechner freigeben.

Ausweitung des Projekts zur “Digitalen Kinder- und Jugendstadt Neukölln”

Das Modellprojekt im Jugendclub “Alt-Buckow” erwies sich bereits ein halbes Jahr nach Beginn in mehrfacher Hinsicht (z.B. Mädchenförderung, Attraktivität für verschiedenen Schichten des Sozialraums, soziale Lernerfolge, ehrenamtliche Beteiligung, Lebendigkeit des Clubs durch die jugendlichen Teamer) als so erfolgreich, dass eine Ausweitung für alle Jugendeinrichtungen befürwortet und begonnen wurde. Die Ausweitung erfolgte in zwei Phasen:

  1. Bis Ende April 99 die Übertragung des Modells auf alle kommunalen Jugendclubs.
  2. Ab März 99 startete eine PC-Einführungsphase in allen kommunalen Kinderclubhäusern in Neukölln. Seit Anfang 2000 verfügen auch fast alle Kindereinrichtungen über Internet und mehrere PCs. Seit August 99 gibt es das erste große Berliner Kinder-Multimediacafé in Neukölln.

Ausweitung auf alle kommunalen Jugendclubs

Durch die Übertragung des Modells sollten nicht alle Jugendclubs nach dem gleichen Muster neu “gestrickt” werden. In einem großen Bezirk unterscheiden sich die Jugendlichen bezüglich ihres Bildungsgrades, der ethnischen Zugehörigkeit und - damit verbunden - bezüglich ihres Lebensgefühls und ihrer Lebensperspektiven. Auch die MitarbeiterInnen bilden keine homogene Gruppe. In einem Teil der Clubs gab es schon medienpädagogische Erfahrungen, andere MitarbeiterInnen betraten völliges Neuland.

Das Modell musste daher an die Bedingungen und Erfordernisse der einzelnen Clubs angepasst werden. Unter Berücksichtigung der Prinzipien bot das Konzept hinreichende Zielvorgaben für das methodische Vorgehen in allen neun Jugendclubs. Dabei sind unterschiedliche Schwerpunktsetzungen möglich.

  1. Vor-Berufliche Qualifizierung im EDV-Bereich: In Jugendzentrum “Grenzallee” besteht für arbeitslose Jugendliche die Möglichkeit, sich im Bereich Computer- und Netzwerktechnik zu qualifizieren. Das Angebot zielt darauf ab, die Jugendlichen zu befähigen, bei der Firma Microsoft die Prüfung zum “Microsoft Certified Professional” abzulegen. Inhaber dieses Zertifikats sind in der Lage, kleinere Netzwerke selbstständig zu warten. Dieses Angebot ist bewusst an der Schnittstelle zwischen Jugendfreizeit und Berufsvorbereitender Maßnahme angesiedelt. Es soll Neuköllner Jugendlichen, die am formalen Bildungssystem bislang gescheitert sind, einen qualifizierten Einstieg ins Arbeitsleben ermöglichen. Der erste Durchlauf des Projekts fand im August 2000 seinen erfolgreichen Abschluss. Im September 2000 startet der zweite Durchgang.
  2. Grafik und Homepage-Design: Das Interkulturelle Zentrum für Mädchen und junge Frauen “Szenenwechsel” legt einen Schwerpunkt der Arbeit auf Bildbearbeitung und Homepagedesign. Die Mädchen haben im Sommer 2000 einen Preis für ihre Website zum Thema “e-commerce” gewonnen. Das Ergebnis kann unter http://www.neukoelln-jugend.de/szenenwechsel angesehen und ausprobiert werden. Eine interaktive multimediale CD-Rom wurde auch von Kindern des Kinderclubhaus “Gropiusstadt” gefertigt. T-Shirt-Druck und Visitenkarten-Design ist eine Spezialität des Jugendclub “Feuerwache”.
  3. Musik: Digitale Musikbearbeitung, Tonstudiotechnik, Sampling und Harddiskrecording vom einfachen bis zu einem hohen Niveau, Kurse zur Musikbearbeitung oder auch Karaoke-Aktionen finden insbesondere im Jugend- und Kulturzentrum “Wutzkyallee” statt (s. http://www.wutzkyallee.de/musik.html oder http://www.buckow-pop.de/buckow/bands.html).
  4. Gemeinwesenorientierung: Andere Einrichtungen engagieren sich stärker im Bereich der Gemeinwesenarbeit, indem sie Verfahren entwickeln, wie mit Schulen oder Horten Raum- und Technikressourcen gemeinsam zu nutzen sind.

Ausweitung des Projekts auf die kommunalen Kinderclubs

Noch während das flächendeckende Multimedia-Angebot in den Jugendclubs aufgebaut wurde, begannen Überlegungen für einen tragfähigen Unterbau bei jüngeren Altersgruppen (ab 6 Jahren). Die Idee eines beteiligungsorientierten Multimedia-Cafés für Jugendliche ließ sich nicht einfach eins zu eins auf Kinderclubs übertragen. Als erster Schritt wurden im März 1999 alle zehn kommunalen Kinderclubs mit mindestens einem multimediafähigen Computer, ein bis zwei einfacheren Rechnern und einem kleinen Bestand an einfachen Spielen, altersgemäßer Lernsoftware und Grafikanwendungen ausgestattet. Die Ausgestaltung des Computerangebots wurde gemeinsam mit den pädagogischen MitarbeiterInnen der Einrichtungen in der Praxis erarbeitet.

Schwerpunktsetzung in den Kinderclubs

Aufgrund der guten Resonanz wurde im Sommer 2000 die hardwaretechnische Ausstattung der Kinderclubhäuser erheblich verbessert. Seitdem verfügt jedes Neuköllner Kinderclubhaus über ein bis vier moderne multimediafähige Computer nebst Farbdrucker, Scanner und digitaler Kamera. Mit zwei Ausnahmen (dem ökologischen Spielplatz “Wilde Rübe” und einem kleinen Kinderclub am Bat-Yam-Platz) verfügt jeder Kinderclub über einen Internetzugang. Alle Clubs sind mit ihrer Homepage im Netz vertreten. Eine Sonderstellung nimmt das Kinder-Computercafé im Kinderclubhaus “Gropiusstadt” ein. Seit 1999 stehen den Kindern der Umgebung hier zehn miteinander vernetzte Computer und eine umfangreiche Softwareausstattung zur Verfügung. Selbstverständlich haben auch die Computer des Kinder-Computercafés einen Internetzugang. Betreut wird das Kinder-Computercafé von jüngeren Jugendlichen in Absprache mit dem Leiter der Einrichtung und einer jugendlichen Honorarkraft, die sich während des Aufbaus des Modellprojekts im Jugendclub Alt-Buckow für diese Aufgabe qualifiziert hat.

Im Kinder-Computercafé finden Computerkurse für Kinder statt und es gibt einen Mädchencomputerclub.

Gemeinsame Projekte der Neuköllner Kinder- und Jugendclubs im Jahr 2000

Neustrukturierung der Website:

Mit zunehmender Projektbeteiligung wurde die Homepage der Neuköllner Multimediacafés unübersichtlich, so dass eine neue Website entwickelt werden musste. Zugleich haben die Kinderclubs ihre eigene Startseite erhalten, die neben Hinweisen auf die einzelnen Clubs auch einen eigenen Webservice für Kinder anbietet.

Das gesamte Modellprojekt ist im Netz dokumentiert und liefert neben “Hinweisen für die interessierten PädagogInnen” auch Softwaretipps und eine weiterführende Linkliste. Seit Juli 2000 ist die Datenbank des Neuköllner Jugendhilfeplaners, in der alle Angebote öffentlicher und freier Träger aus dem Bereich der Jugendhilfe aufgeführt sind, im Netz über eine komfortable Suchfunktion für Kinder, Jugendliche und Multiplikatoren jederzeit nutzbar.

Netzspiel:

Im Oktober 2000 fand ein großes gemeinsames Netzspiel aller Neuköllner Kinder- und Jugendeinrichtungen statt. Dabei bildeten die Kinder und Jugendlichen Einrichtungsteams und lösen verschiedene Aufgaben. Die Teilnahme am Netzspiel forderte technisches Know-How (Wie finde ich etwas im Internet?, Wie speichere ich ein Bild aus dem Netz?, Wie montiere ich mehrere Bildteile zusammen?), Kreativität (eine Geschichte weiter erzählen, verrückte Fotomontagen) und Kommunikationsfähigkeit (Kontakt mit anderen Menschen aufnehmen, ein Interview führen). Zudem diente das Netzspiel der Kommunikation und Kontaktaufnahme der BesucherInnen der einzelnen Clubs untereinander.

Neuköllner Internetstadtplan:

Im Herbst 2000 begann der Aufbau eines Neuköllner Internetstadtplans für Kinder und Jugendliche. Dabei wurde die Umgebung rund um die Clubs mit Hilfe digitaler Medien abgebildet. Es ging nicht nur um sachliche Informationen, sondern auch um phantastische Ideen. Kinder und Jugendliche haben mit Hilfe digitaler Medien ihre Sicht auf ihr Lebensumfeld ausgedrückt und dargestellt. Artikel für den Internetstadtplan erscheinen teilweise auch im Printmedium des Clubs (Kiezzeitung), so dass der Unterschied zwischen Print- und Onlinemedium thematisiert wird.

Überregionale und internationale Aktivitäten:

Neuköllner Kinder- und Jugendeinrichtungen beteiligten sich im November 2000 zum zweiten Mal an den europaweiten Netd@ys. Für das Jahr 2001 wird eine Beteiligung an der Jugend-Funkausstellung Berlin sowie dem Netd@ys geplant.

Literatur:

Für LeserInnen, die noch mehr wissen wollen:

Kontakt:

Eva Lischke, Maren Sierksy
Telefon: 030-6809-2363/2006
Fax: 030-6809-3738

e-mail: team@neukoelln-jugend.de oder sierks@neukoelln-jugend.de

Adresse:

Bezirksamt Neukölln, Jugend und Familie - Jugendförderung
Blaschkoallee 32
12040 Berlin


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